Die Vergangenheit-Gegenwart-Falle, Teil 2
Was fühlt ein Mensch, wenn sich eine parataktische Verzerrung anbahnt?
Im letzten Beitrag haben wir über die wesentlichen Merkmale der parataktischen Verzerrung gesprochen. Wir haben gelernt, dass unser Geist manchmal durcheinandergerät und eine direkte Verbindung zwischen der aktuellen Situation und einer früheren Erfahrung oder Erinnerung herstellt, in dem Versuch, uns eine nützliche Einsicht zu liefern.
Doch was tatsächlich passiert, ist: Wir werden frustriert, ängstlich oder wütend, weil wir unsere früheren Erfahrungen unmittelbar auf andere Menschen projizieren, etwa auf den Ehepartner.
Eine parataktische Verzerrung hat nichts mit dem Gedanken zu tun, aus der Vergangenheit zu lernen. Du lernst nicht, wenn dein Blick auf die Wirklichkeit verzerrt ist. Du schadest damit nur dir selbst und den Menschen um dich herum.
Woran erkennst du, dass sich eine parataktische Verzerrung anbahnt?
Jeder Mensch erlebt parataktische Verzerrungen anders. Manche erleben sie ein- oder zweimal im Jahr, wenn sie extrem gestresst sind und ihren Stress nicht richtig ableiten können. Bei anderen treten sie täglich auf.
Die folgenden Anhaltspunkte sollten dir helfen zu erkennen, ob du unter dieser Wahrnehmungsverzerrung leidest.
1. Überwältigende negative Gefühle
Es ist vollkommen normal, traurig oder wütend zu sein. Nicht normal ist es, von einer überwältigenden Flut negativer Gefühle erfasst zu werden, während du einfach nur mit deinem Partner sprichst.
Es ist praktisch unmöglich, dass ein Mensch etwas sagt oder tut, das auf einen Schlag ein ganzes Bündel unterschiedlicher negativer Gefühle auslöst. Wenn dein Kopf also von Gefühlen überflutet wird, dann werte das als Warnsignal, dass sich in der Tiefe deines Unterbewusstseins etwas anderes abspielt.
2. „Dieses Gefühl kenne ich nur zu gut”
Ein weiterer wichtiger Hinweis darauf, dass irgendwo in deinem Kopf eine parataktische Verzerrung abläuft, ist der Moment, in dem du die plötzliche Gefühlsflut wiedererkennst und dein Verstand meint, sie passe zur Situation vor dir wie ein alter, eingelaufener Schuh.
Wenn du dich mit deinem Partner über etwas streitest, das gerade erst aufgekommen ist, kann es gar nicht sein, dass die Gefühle dir schon in Fleisch und Blut übergegangen sind.
Vertrautheit mit starken, negativen Gefühlen ist ein sehr deutliches Zeichen dafür, dass deine Gefühle ihre Energie von woanders beziehen, nicht aus der Gegenwart.
Sei vorsichtig mit diesen „alten” Gefühlen! Sie zu fühlen bedeutet nicht, dass du im Recht bist oder dein Partner im Unrecht. Es bedeutet nur, dass du deine früheren Erfahrungen aktiv auf einen völlig unschuldigen Menschen projizierst.
3. Wiederkehrende Gefühlsmuster
Das ist ein fortgeschrittenes Zeichen einer parataktischen Verzerrung. Die plötzliche Flut negativer Gefühle ist dir nicht nur vertraut, sie kehrt auch immer wieder zurück, sobald dein Partner etwas sagt oder tut, das sie auslöst.
Ob dein Partner „recht oder unrecht” hat, ist hier nicht die Frage. Das eigentliche Thema ist, dass du ein ganz bestimmtes Bündel von Gefühlen erlebst, das dir schon in Fleisch und Blut übergegangen zu sein scheint, und dass genau dieselben Gefühle regelmäßig wieder auftauchen.
Werde misstrauisch gegenüber deinen eigenen Gefühlen, wenn du dich Dinge sagen hörst wie „nicht schon wieder!”. Das gilt besonders für neue Situationen, die du zuvor noch nie erlebt hast.
4. „Hellseherei”
Erinnerst du dich an die Hellseher und Magier im Fernsehen, die ihre „Gedankenlese-Kräfte” an Menschen aus dem Publikum vorführen? Wenn du anfängst, genau das mit deinem Partner zu tun, könntest du eine parataktische Verzerrung erleben.
Warum? Weil du Annahmen über deinen Partner triffst, ohne dich auf konkrete Anhaltspunkte zu stützen. Möglicherweise triffst du diese Annahmen, weil dein Verstand dir einredet, dass sich eine frühere Erfahrung gerade in der Gegenwart wiederholt.
Bevor du also annimmst, du wüsstest, was dein Partner wirklich denkt oder sagt, stell dir diese nüchternen Fragen:
a) Welche konkreten Belege habe ich dafür, dass ich richtig liege?
b) Treffe ich meine Annahmen aus dem Bauch heraus, oder ziehe ich meine Schlüsse aus tatsächlicher Beobachtung?
c) Was hat mein Partner bislang gesagt oder getan, das meine Schlussfolgerung stützt?
d) Was hat mein Partner tatsächlich gesagt oder getan, verglichen mit dem, was ich in meinem Kopf zu hören glaubte? Wie ähnlich oder wie verschieden ist beides?
5. Irrationale Angst
Wenn ein Mensch ständig fürchtet, sein Partner werde ihm etwas antun, dann erlebt er eine irrationale Angst. Das Auftreten irrationaler Angst ist ein weiteres verräterisches Zeichen dafür, dass im Kopf Verzerrungen ablaufen. Traurigerweise können solche Verzerrungen tiefgreifend beeinflussen, wie ein Mensch im echten Leben mit anderen umgeht.